Der Tag ist nahe!

oder: 50 Jahre Angst

von Hans Otfried Dittmer

Vor 50 Jahren, als 12-jähriges Mädchen, wurde einer meiner heutigen Patientinnen von einem "fahrenden Zigeuner" aus der Hand gelesen. Und dieser - damals, Ende der 40er Jahre bereits ein alter Mann - sagte dem kleinen Mädchen, dass es noch 50 Jahre zu leben habe. - Der Stachel saß! Das Mädchen war durch diese Sache so tief beeindruckt, dass es mit zunehmendem Alter immer mehr einer Angst vor Krankheit, Siechtum und Tod verfiel: "Wie werde ich wohl sterben?!"



Heute ist der 22. Dezember 1999. Das Jahr 2000 beginnt in wenigen Tagen. Die Ängste vieler Menschen, besonders der "esoterisch-angehauchten", steigern sich auf einen Höhepunkt, da... Ja, warum eigentlich??
 
Die Welt sollte allein in diesem Jahr mehrfach untergehen oder zumindest stark beschädigt werden:
1. Im Mai durch einen riesigen Meteor (war nichts).
2. Am 11. August anlässlich der "totalen" Sonnenfinsternis (auch nichts).
3. Danach sollte die russische Raumstation Mir auf Paris stürzen (ebenfalls nichts).
4. Wieder ein Meteor im Oktober/November (nochmals nichts).
5. Wie auch im letzten Jahr sollte der "Leonuren-Schwarm" das Ende bedeuten (vergeblich).
6. Der schon längst überfällige Polsprung der Erde (Nord <-> Süd) droht ständig (kommt noch).
7. Der Rundschlag, das Maximum, das Grauen überhaupt: Die Zeit ab dem 31.12.99. Fernsehsender werden live aus anderen Zeitzonen berichten.
 
Das Millennium: Erstmals können die niemals müde werdenden "Warner" vor dem Ende der Welt statt metaphysischer "sehr physische" Argumente liefern:

1. Wir werden bis zu sechs Wochen lang nicht mit Lebensmitteln versorgt, da sämtliche Uhren-Chips in den Auslieferungs-LKW's das Starten des Motors vereiteln. Automatische Bestellsysteme in den Supermärkten versagen, da man auch hier Uralt-Chips verwendet hat (aus Kostengründen). Das alles ist "geheimdienstlich festgestellt", wird aber - zur Vermeidung einer Massenpanik - nicht veröffentlicht.
Die Folge war eine Hausse für Anbieter von "Trockenfutter", von denen einige anlässlich des bevorstehenden Millennium-Crashs erstmals einen Prospekt in Farbe drucken ließen, gleich mit Wasseraufbereitungsanlagen, da die Wasserwerke mit ihrer Technik - teilweise aus den 50ern (Prima! Da gab's ja noch keine Chips!) - automatisch das Wasser
versiphen lassen.
2. Strom gibt es dann auch nicht mehr, ganz klar! Also haben die genannten Firmen gleich Stromaggregate in ihren Prospekt mit aufgenommen und 500 Liter Tanks, da ja die Tankstellen auch dicht haben.
3. Aber nicht nur das! Wir Deutschen haben eine unverantwortliche Regierung (na, klar, wer würde da widersprechen, wenn im "Verschwörerton" geredet wird)! Nehmen wir uns doch ein Beispiel an "den" Franzosen: Schließlich habe "beispielsweise" die französische Regierung einen Geheim-Aufruf an alle Franzosen, die im Ausland, besonders im Ostblock, arbeiten, gestartet und diese für die Woche vor Weihnachten zurückzitiert (viele Auslandsfranzosen wollen sicherlich Weihnachten daheim sein, so dass die "Reisewelle" auch anders erklärlich wäre, wenn auch "nicht so richtig").
4. Mit Vitaminpillen muss sich der, der überleben will, eindecken, denn nicht schon nach sechs Wochen läuft alles wieder rund, sondern erst nach zwei Jahren!!! Dasselbe gilt für Ginseng-Präparate (dämpfen den Hunger, schärfen den Verstand, ebenfalls wichtig fürs Überleben!).
5. Mindestens 50% aller russischen Atomraketen (die ja auch Chips in der Steuerung haben) werden werden sich - wenn's gut geht - selbst zerlegen ("Mindesthaltbarkeit" abgelaufen) oder aber "gen Westen" starten. Warum? Jeder "weiß", wie schlechte Uhren die Russen bauen!
6. Millionen von Computern crashen. Sämtliche Daten gehen verloren (durch eine "falsch gestellte" Uhr?). Chaos.
 
Das zum Jahr 2000. - Übrigens macht keine der Firmen, die Nutznießer der Katastrophe sind, gezielte Angaben, die geeignet sind negative Gefühle oder Panik zu erzeugen. Dafür sorgen die Heerscharen der "Sammelbesteller", freien Mitarbeiter oder "selbstlosen Zeitgenossen".
 



 
Ich habe viel mit Patienten aus der "Esoszene" zu tun. Irgendwie empfinde ich mich ja selbst als Esoteriker. Es geht mir aber viel zu weit, wenn ich sehe, wie sehr nervenschwach manch einer wird, wenn ihm gesagt wird, dass er bald stirbt oder getötet wird. Denn alle diesbezüglichen Prognosen, gleich mit welchem Verfahren produziert, sind bisher fehlgeschlagen. Die berühmten Lady-Di-"Pro"gnosen wurden erst nach ihrem Tode veröffentlicht (gedruckt, gesendet, ins Netz gestellt).
Im WWW finden sich viele Seiten mit Prophezeihungen, die - schwuppdiwupp - nach dem "Stichtag" der fehlgeschlagenen Voraussage nicht mehr da sind. Manchmal künden tote Links von solchen Seiten.
 
In den Monaten Juni, Juli und August hatte ich ziemlich zu tun:
Patient: "Ich habe schreckliche Angst vor dem Ende!"
Ich: "Warum sollte ausgerechnet diese Sonnenfinsternis das Ende bedeuten? Es gibt doch irgendwo auf der Erde etwa alle 18 Monate eine richtige Sonnenfinsternis!"
Patient: "Aber doch keine totale!"
 
Was hatte man diesem Menschen erzählt, was "total" bedeutet?!
 
Andere Ängste entstehen durch das sogenannte HAARP-Projekt (keiner weiß Genaueres, aber es macht Angst, weil keiner Genaueres weiß). Es soll stündlich Energien einer kleinen Atombombe in die Atmosphäre freisetzen (was für "Energien"? Radioaktive?), um u. a. das Wetter zu beeinflussen (zu "manipulieren", das klingt dann so, wie man's haben will). Ähnliches hat Wilhelm Reich auch getestet, mit seiner Orgon-Energie, von der viele Behandler rund um den Globus wissen, dass diese ("wissenschaftlich bislang nicht verifizierte") Kraft segensreich eingesetzt werden kann, obwohl damit auch ein UFO "abgeschossen" werden kann (Reich's eigene Berichte).
Mit HAARP sollen auch geistige bzw. mentale Manipulationen möglich sein (mit Orgon übrigens auch). Und damit werden viele "Freidenker" geängstigt: "Kaufen Sie bloß keine Lebensmittel, auf denen erhabene, also tastbare Barcodes sind, denn die sind wie Antennen und strahlen die HAARP-Signale direkt auf den Menschen weiter!"
Komisch! In der Tat gibt es solche Barcodes! Es fallen darunter viele Fleisch-, Wurst- und Käseprodukte, die vom Supermarkt selbst abgepackt und preisausgezeichnet werden mittels spezieller Thermo-Drucker, außerdem das selbst abgewogene Obst!
Selbstredend: Ich habe mit diesen Barcodes Resonanztests angestellt - ergebnislos. Zwei Möglichkeiten haben wir nun:
a) Der Dittmer kann nicht richtig testen.
b) Wer hat einen materiellen Vorteil aus diesem Gerücht?
Entscheiden Sie selbst.
 
Ende Oktober 1999 wurde eine Patientin früh am Morgen von einer Mitstreiterin aus einer Erfahrungsaustausgruppe antelefoniert: Ob sie es denn in den 5-Uhr-Nachrichten des Hessischen Rundfunks gehört hätte: Ein blauer Strahl habe sich am nächtlichen Himmel von Kassel aus hin bis zur Nordsee bewegt. Möglicherweise ein HAARP-Phänomen zur Gedankenmanipulation.
Dass sonst niemand etwas davon gehört oder gesehen hat (auch die HR-Redaktion hatte "plötzlich" keine Ahnung mehr vom Vorfall), ist für den hartgesottenen Esoteriker auch kein Problem:
a) "Alle" haben noch geschlafen.
b) Eine Verschwörung! "Die Geheimdienste" haben sofort den Finger auf die Information gelegt.
c) Es konnte nur von "bestimmten Menschen" gesehen werden.
In diesem Fall aber meine ich: Nur ein böser Traum; der Radiowecker sprang an, und Nachrichten und Traum mischten sich.

Eine eingeladene Astrologin sagte einem anderen Patienten auf seiner Endzwanziger-Geburtstagsfeier voraus, dass er seinen vierzigsten Geburtstag nicht erreiche. Zunächst wurde in dieser Runde herzlich darüber gelacht, doch im Laufe der folgenden Jahre wurde aus dieser Prognose eine latente Psychose.
Er erlebte seinen 40. Geburtstag. Auf der Feier wieder die Astrologin. Auf den "gebrochenen Fluch" angesprochen, zuckte sie bedeutsam mit den Schultern: Es seien ihm lediglich "ein paar Jährchen" geschenkt worden. Womit der Fortbestand der Psychose gesichert war.
Zufälligerweise ist dieser Mann der Sohn jener Frau, deren "Fall" ganz zu Beginn dieses Textes beschrieben wurde, und die 50 Jahre lang Angst um ihr Leben hatte. Auch sie hat überlebt. Beide sind zwischenzeitlich ihre Ängste los.
 



 
Diese Reihe an Begebenheiten ließe sich fortsetzen.
Ich möchte mit diesem Artikel keineswegs in Abrede stellen, dass es unerklärliche "Dinge zwischen Himmel und Erde" gibt. Dazu habe ich allein in den letzten Jahren zu viel erlebt und gesehen.
Ich möchte lediglich dafür eintreten, dass denen geholfen wird, die willenlos in den Fängen von offensichtlichen Geschäftemachern hängen. Schwierig ist das auf jeden Fall, denn - fast Sekten- oder Drogenstrukturen - geglaubt wird zu oft demjenigen, der mit Bildhaftigkeit des Wortes sein Gegenüber in wohligen Dusel versetzt, es kurz einmal aufschreckt mit Düsternis. - Um wieder im Wohlgefühl zu versinken, tun doch sehr viele Menschen genau das, was der "Wortzauberer" zur Aufhebung der Düsternis verlangt.
Und wie "immer": Scharlatane sind "immer" die anderen!
 
Aber braucht nicht vielleicht der Mensch diffuse Ängste? Im Wandel der Zeit: Feuer und Feuersbrunst, Gott, Unterwelt, Teufel,  Geister, Aliens, Horror-Filme, Bungee-Springen und Base-Jumping, Jahr 2000, Weltuntergang?
 
Jede schlechte Zeit braucht vermehrt ihre Gurus, Magiere und geistigen Führer. Erst wenn der Karren so richtig im Dreck steckt, sind die Amtskirchen überlaufen. Das sahen wir zu Zeiten während und kurz nach dem letzten Krieg, und das sahen wir, als die DDR langsam den Bach hinunter ging.
Jede Zeit, in der Verlogenheit, Gewalt, Hass einen höheren Stellenwert besitzen, entlockt vielen Menschen dieses Gefühl, Hoffnung und Zuversicht entwickeln zu müssen, um dem "Main-Stream" etwas entgegenzusetzen zu haben und dadurch seelisch und körperlich zu "überleben". Offenheit, Gewaltlosigkeit und Liebe werden exerziert - und ausgenutzt.
Letzte Wertmaßstäbe "verglühen" im Nichts, wenn ein "hoher Politiker" Mitte der 90er in einer Fernsehdiskussion einen straffällig gewordenen Jugendlichen, der seine Tat zu rechtfertigen suchte, moralisch "niederbügelt" (Tenor: "Wo kämen wir hin, wenn jeder, dem es schlecht geht, automatisch kriminell würde!"), selbst aber Mitte Dezember dieses Jahres angab, dass er Anfang der 90er Jahre Millionen DM an Parteispenden am Fiskus vorbeigeschleust habe, da es seiner Partei damals finanziell schlecht gegangen sei. Im Prinzip eine "edle Tat".

Vielleicht ist das der Weltuntergang: Leben gibt's weiterhin - aber (fast) nur noch materielle Werte!

Bisher mal aufgerufen.





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